| |
Vilém Flusser
Vom Vater aller Dinge.
Fuer das Kriegsheft" der Spuren.
auch als PDF-Originalmanuskript
Alle Wohlmeinenden (bleeding hearts") sind selbstverstaendlich
gegen den Krieg, so wie sie fuer die Mutterschaft sind. Das Malheur dabei
ist, dass nicht alles gut ist, was gut gemeint ist. So ist zum Beispiel
der Pazifismus der Dreissigerjahre mitverantwortlich fuer das nazistische
Grauen, und vielleicht werden in naher Zukunft jene Leute, die gegenwärtig
die Mutterschaft verherrlichen, fuer die Entsetzen der Ueberbevoelkerung
verantwortlich gemacht werden. Wer es nicht wohl meint, sondern versucht,
Meinungen durch Erkenntnisse zu ersetzen, der wird wohl oder uebel Begriffe
wie Krieg" (oder eben Mutterschaft") relativieren
muessen. So einer wird nicht nur davon ausgehen muessen, dass Krieg"
nur im Verhaeltnis zu etwas anderem gut oder schlecht ist, sondern auch,
dass der Begriff Krieg" nur innerhalb eines Relationsfeldes
ueberhaupt einen Sinn hat. Zum Beispiel ist eben Krieg im Verhaeltnis
zum Nazismus gut, und in einer anarchischen Lage greift der Begriff Krieg"
daneben. Unter dieser Voraussetzung soll hier ueber Krieg"
nachgedacht werden. Ein moeglicher Ausgangspunkt ist das Bedenken des
Helden. Das scheint ein Mensch zu sein, in welchem sich der Krieg veredelnd
verkoerpert. Wir haben uns den Helden in seiner urspruenglichen Form als
mit Bronzehelm, Bronzeschild und Bronzeschwert vorzustellen. Es hat schon
im Neolithikum Kriege gegeben, weil es schon damals Besitz gab, der gestohlen
werden konnte und daher verteidigt werden musste. Aber es scheint vor
Bronze keine Helden, sondern nur Diebe, Raufbolde und Nachtwaechter gegeben
zu haben.
Hingegen ist in der aelteren Steinzeit vom Krieg keine Rede, obwohl es
auch da Raufereien gegeben haben musste, schon weil nicht jede Frau zu
jeder Zeit jedem Mann zur Verfuegung stehen konnte. Wahrscheinlich ist
der Krieg so alt wie Ackerbau und Viehzucht, aber erst in der Bronzezeit
wird er heldenhaft, das heisst tragisch. Ab dann ist er ernst zu nehmen.
Was ein Held ist, koennen wir aus Homer und aus der Bibel erlesen. Beide
Texte scheinen auf eine gemeinsame Quelle zuruekzugehen, in welcher unter
anderem ein Held beschrieben wird, der David" heisst, und dessen
Schild beinahe exakt so aussieht, wie jenes des Achilles. Wenn man bedenkt,
dass der gebe Judenstern eigentlich Davids Schild ist, dann kann man nicht
umhin, an Benjamins Reproduzierbarkeit des Kunstwerks erinnert zu werden.
Es geht jedoch beim Helden nicht nur um die Kostbarkeit seiner Ausstattung,
sondern auch um seinen Mut, seinen furchtlosen Einsatz. Der Krieg ist
nicht nur kostspielig, und von daher koestlich, sondern er ist auch so
fuerchterlich, und kann nur von jenen durchgefuehrt werden, die der Koestlichkeit
halber nichts fuerchten. Darin ist allerdings ein Widerspruch enthalten:
wenn der Held nichts fuerchtet, warum ist er dann so koestlich ausgestattet?
Das ist der Widerspruch, der im sogenannten militaerisch-industriellen
Komplex" verborgen ist, und Kritiker dieses Komplexes taeten gut
daran, in Homer und der Bibel darueber nachzuschlagen.
Die ersten derartigen Kritiker waren die Philosophen. Sie dachten ueber
den Heroismus nach, und kamen zum Schluss, dass er dumm ist. Der Held
baeumt sich gegen das Schicksal auf, weil er in seiner Dummheit glaubt,
es besiegen zu koennen. In Wirklichkeit bringt die heldenhafte Dummheit
das Schicksal erst richtig ins Laufen. Gerade weil er seinem Schicksal
entgehen will, toetet Oedipus seinen Vater, schlaeft mit seiner Mutter,
und muß sich die Augen aus dem Kopf reissen. Was fuer ein Trottel
der Held ist, zeigt sich bei Ulysses: gerade weil er ein Polytechniker
ist (der Listenreiche"), kommt er in eine ausweglose Lage aporie"
nach der anderen.Er selbst legt die Schlingen, in die er hineinfaellt
(uebrigens eine Strategie, die fuer alle Kriegsspiele gilt, auch fuer
das Spiel des polytechnischen Fortschritts). Kurz: das trojanische Pferd
als Resultat des militaerisch-industriellen Komplexes wird seitens der
Philosophen als ein tragischer Bloedsinn verurteilt.
Der Dummheit des Kriegs setzen die Philosophen die Beschaulichkeit des
Friedens gegenueber. In der Beschaulichkeit theoriea" wird
die Struktur des Schicksals ersichtlich, und dies erlaubt dem Theoretiker,
sich darin einzurichten. Dieses beschauliche Sich-abfinden mit dem Schicksal,
diese Resignation, nennen die Philosophen das tugendliche Leben arete".
Heldentum als Gegensatz zu Tugend, und der Held als Gegensatz zum Philosophen:
das macht den Frieden so unsymphatisch wie die Engelschoere den Himmel.
Wenn Hannah Arendt die vita activa" der vita contemplativa"
entgegensetzt, so bewegt sie sich in dieser Spannung zwischen Dummheit
und Tugend, zwischen Krieg und Frieden, und die Sache wird tragischer
als selbst bei Tolstoj.
Dass der Held in seiner koestlichen Ausstattung und seiner Dummheit eine
tragische Figur ist (dass der Krieg ein kostspieliger tragischer Bloedsinn
ist), muß eigentlich gar nicht angesprochen werden. Es genuegt,
sich irgend ein Heldendenkmal aus welcher Zeit auch immer anzusehen, um
dies einzusehen. (Dies wird bei den roemischen Statuen und wilhelminischen
Saeulen besonders deutlich.) Und doch will die Tragik des Krieges bedacht
sein.Als Nietzsche vom Ursprung der Tragoedie sprach, ist er der Bedeutung
des Wortes nicht genuegend nachgegangen. Tragoedie" heisst
Ziegengesang" (von tragos=Ziegenbock" und acidos=Saenger").
Wir haben es bei der Tragik des Kriegs mit dem Besingen von Ziegenboecken
zu tun, und zwar nicht nur von Pan, sondern ebenso vom Suendenbock: der
Krieg ist sowohl panisch wie suendhaft. Und zwar ist der Krieg panisch,
gerade weil er ins Horn blaest, welches dazu bestimmt ist, den Suendenbock
auszutreiben. Dieses Horn (hebr. Schofar) ist die Kriegsposaune, vor welcher
die Feinde in panischen Schrecken weichen, und welche jenes letzte Gericht
meldet, dank welchem wir alle anders werden.
Dank solch einer Posaune ist jeder Krieg der letzte Krieg aller Kriege,
er wird gefuehrt, um alle kuenftigen Kriege zu vermeiden, er ist jenes
letzte Gefecht, von dem die Internationale spricht, kurz: die Posaune
zeigt den tragischen Bloedsinn des Krieges. Man darf sich das mit der
Panik, mit dem Suendenbock nicht zu bequem machen, und den Krieg nicht
zu einem phallischen Festspiel machen, worin wir alle die Narren abgeben.
Denn wenn wir den Krieg derart freudisieren, vergessen wir an seinen relativ
spaeten, jungsteinzeitlichen Ursprung, und koennen glauben, er sei in
unserer genetischen Information vorgeschrieben. Im Gegenteil: um Krieg
fuehren zu koennen, muessen die Helden einander gegenseitig zuerst ins
Bockshorn jagen. Von selber, instinktiv, fuehrt niemand Krieg, weil jeder
lieber auf der faulen Haut liegt. Wir sind eher fuer das kontemplative
Leben programmiert, sind eher friedlich doesende als heldische Tiere.
Ethologen zeigen, dass Graugaense kriegerischer sind als wir, und daher
erinnern Kriegsfeiern und Kriegsreden so sehr an Geschnatter. Kurz: der
Krieg ist eine kulturelle Simulation einer uns artfremden Sexualitaet,
und Helden sind kuenstliche Ziegenboecke und Gaenseriche. Alles bisher
Gesagte scheint sich auf den Krieg zur Bronzezeit zu beziehen und nichts
mit dem Atomkrieg oder selbst mit jenem im Irak zu tun zu haben. Denn
all dies bezieht sich auf heldische Kriege, also auf Ziegenboecke und
Gaenseriche, und nicht auf jene bloekenden Schafsherden, in welche der
gegenwaertige Krieg die Gesellschaft verwandelt.
Aber wenn man Heraklit den Dunklen bedenkt, dann zeigt sich, dass hier
vom Krieg ueberhaupt, vom Krieg an sich gesprochen wurde. Heraklit meint
bekanntlich, dass aus dem Urfeuer ãlogos" dank Krieg alle Dinge entstehen,
und dass die Dinge dann wieder dank Frieden im Feuer ausgeloest werden.
Den Krieg nennt er den Weg hinab, den Frieden den Weg hinauf, uns alles
fliesst in diesem ewigen Auf und Ab zum und vom ãlogos". Wenn man seinen
Satz, der Krieg sei der Vater aller Dinge, zitiert, vergisst man meistens,
hinzuzufuegen, dass fuer Heraklit alle Dinge eine Art von Abfall sind,
eine Art von Umweltverschmutzung, und dass daher Heraklit den Krieg als
Vater alles Veraechtlichen (naemlich der dinglichen Welt) ansieht. Gaebe
es den Krieg nicht, dann waere alles logisch, da es ihn aber gibt, gibt
es so einen unlogischen Unsinn wie eben Dinge. Heraklit ist der erdenklich
radikalste Pazifist: er war gegen die Dinge ueberhaupt, weil sie aus dem
Bloedsinn des Krieges hervorkommen, und das hat Hegel (man wuerde sagen
absichtlich) verschwiegen. Aber es ist gut, sich daran zu erinnern. Im
allgemeinen Gerede wird immer auf Kriegszerstoerungen hingewiesen: vor
dem Krieg gibt es Dinge wie Staedte, und nachher gibt es nichts mehr.
Heraklit war umgekehrter Ansicht. Er meinte, der Zweite Krieg sei der
Vater der gegenwaertigen deutschen Staedte, und gerade deshalb sei der
Krieg ein Bloedsinn. Das ist zwar nicht die Lesart, mit welcher die Dunkelheit
Heraklits in den Universitaeten erhellt wird, denn dort wird er ãontologisch"
und ãdialektisch" gedeutet. Aber es ist eine naheliegende Lesart.
Heraklit hat Homer gelesen (leider nicht auch die Bibel), und hat daraus
und aus der eigenen politischen Erfahrung in Ephesus eine Kriegstheorie
entwickelt. Und erst gegenwaertig sind wir in der Lage, diese Theorie
plausibel zu machen.Man kann die These vertreten, dass alle (oder beinahe
alle) technischen Errungenschaften Kriegsfolgen sind, dass wir in diesem
Sinn alle schwer kriegsgeschaedigt sind, und dass wenn wir Liebe statt
Krieg machen wuerden, alle Dinge wieder verschwinden wuerden, und wir
in den Frieden einer undinglichen, immateriellen Welt auf- oder untertauchen
wuerden. Das ist keine hier vertretene These: dass der Krieg schlecht
ist, weil er die schlechte Welt hervorbringt. Aber die These klingt ebenso
wohlmeinend wie jene eingangs erwaehnte, wonach der Krieg schlecht ist,
weil er die gute Welt kaputt macht.
Die hier vertretene These lautet: die Vaterschaft des Kriegs ist ebenso
wie die Mutterschaft der Frauen eine zweideutige, bis tief in die Wurzeln
des Daseins reichende Sache, und wenn man solche Sachen bedenkt, dann
zeigt sich unsere tiefgruendige Dummheit .Seit der Apokalypse des heiligen
Johann, und weiter nach rueckwaerts ueber den Propheten Isaias hinaus
bis in unbekannte Quellen, wird der erloesende Krieg und das darauf folgende
Millennium erwartet. Das sich naehernde Jahr 2000 bietet fuer diese Erwartung
einen bequemen, und seitens der Medien ausgewerteten Stuetzpunkt. In solch
einer Zeit ist es geboten, sich an Heraklit zu erinnern, um ein Gleichgewicht
zu erhalten. Man wird die Welt nicht los, denn der Krieg ist ihr Vater.
Originalmanuskript
Vom Vater aller Dinge.
Fuer das Kriegsheft" der Spuren.
Als PDF-Download (210kb)
Sie benötigen Adobe Acrobat Reader 3.0
Für download bitte hier klicken -> Download.
|
|